3 Tage quer durch den Harz im Mai 2020. Ein Erlebnisbericht in einer besonderen Zeit.

Was hatte ich dabei?
Wo habe ich geschlafen?
Wie spießig ist der Harz wirklich?
Wo die DDR noch gelebt wird
Ost=West?
Zu all diesem Fragen gibt es was zu sagen.

Der Wald ruft..

Nach Wochen von Corona Sondersendungen und der Suche nach Klopapier und Videokonferenzen, musste ich endlich raus: Eine Wanderung – ein paar Tage in der Natur.
Möchte man von Berlin aus wenigstens in einem Mittelgebirge wandern und nicht so weit fahren, sind die Möglichkeiten beschränkt. Es reduziert sich im Wesentlichen auf Harz, Rennsteig oder das Erzgebirge. Ich habe mich für den Harz entschieden, denn da war ich seit meiner Kindheit nicht mehr. Das einfachste ist, einne ausgearbeiteten Wanderweg zu nehmen und so habe ich mich für den Hexenstieg entschieden. Das ist ein Wanderweg, der den Harz von West nach Ost über knapp 100 km quert.
Der günstige Flixbus fährt noch nicht, aber die Bahn. So habe ich mir ein Ticket gebucht und bin am frühen Nachmittag in Osterode im Westharz angekommen.

Was habe ich mitgenommen?

Da mir vollkommen unklar war, ob es irgendwo eine Möglichkeit geben wird, in einer Pension zu schlafen oder auch nur zwischendurch etwas zu essen zu kaufen, nahm ich alles mit, um vollkommen autark zu sein. Dies stellte sich als die richtige Überlegung heraus. Meist gehe ich so auch in „normalen Zeiten“ vor. Zudem war das Wetter sehr durchwachsen – regnerisch und teils recht kalt, so dass ich auch hier eine Bandbreite an Kleidung mitnehmen musste.
Am Ende wog der Rucksack inklusive Verpflegung und Wasser etwa 15 kg. Es geht ja auch darum, wieder etwas fit zu werden 😉
Was genau ich auf welchen Touren mitnehme, werde ich noch in speziellen Beträgen vorstellen, denn mir geht es nicht nur um möglichst wenig Gewicht – das ich diesmal nicht so eng gesehen haben, sondern auch um robuste, flexible und kostengünstige Ausrüstung. Am Ende der Tour waren es übrigens noch ca. 13 Kilo, da ich fast alle Lebensmittel aufgegessen hatte.

Der erste Tag – Von Osterode nach Altenau. Ca 24 km.

Ich hatte schon gehört, dass der Westharz ganz anders sei als der Ostharz und etwas in die Jahre gekommen wäre. Dieses Gerücht fand ich durchaus bestätigt. In der Innenstadt von Osterode stand vieles leer und die ganze Gegend hat den Charme der 70er Jahre nicht wirklich abgelegt. Der Hexenstieg führt hier fast ausschließlich über breite Forststraßen. Diesen Teil würde ich nächstes mal am ehesten aussparen. Es war den ganzen Tag kühl und regnerisch und am späteren Nachmittag hat es angefangen, sich immer stärker einzuregnen. Ich hatte keine Karte dabei, sondern mich auf die Handyapp verlassen. Das Smartphone mochte den Regen gar nicht und die Beschilderung war hier ziemlich spärlich, da vielleicht auch andere die Idee hatten, diesen Part des Weges auszulassen. So verlief ich mich ein paar mal, um mich dann wieder quer durch den Wald auf den Stieg durch zuschlagen. Einmal hatte ich Glück und gelangte auf einem dieser Abwege zu einem Restaurant wo ich noch einen warmen Kakao und etwas Strom für mein Handy bekam.
Am späteren Abend regnete es so stark, dass alles trotz Regenkleidung und Regenhülle gnadenlos nass wurde.

Die erste Nacht – im nassen Daunenschlafsack

Für die Nacht wollte ich dringend eine Schutzhütte statt meines kleinen Notzeltes. Eine Hütte, also eine Art überdachte Bushaltestelle aus Holz, tauchte aber erst gegen 21 Uhr auf. Ich breitete meine Sachen aus – alles war nass. Sogar der Daunenschlafsack hat trotz Regenhülle mehrere klitsch nasse Flecken. Da die Wanderklamotten über Nacht hier nicht trocknen würden, behielt ich sie möglichst lange am Körper zum Trocknen.

Auf meinem kleinen Gaskocher kochte ich einen Tee und etwas zu essen und versuchte zu schlafen. Da jedoch nasse Daunen nicht mehr wärmen, habe ich das Tarp direkt um mich gewickelt und dann außen herum den Daunenschlafsack. Die Nacht war trotzdem kalt und fast schlaflos.
Warmer Frühstücksbrei und heißer Kaffee brachte am Morgen schnell die Lebensgeister zurück.
Es blieb jedoch ein Problem: Ein Daunenschlafsack bei feucht kaltem Wetter trocken zu bekommen, ist fast nicht möglich. Ich wollte die Tour aber nicht abbrechen und es war weiterhin vollkommen unklar, ob mich irgendeine Herberge aufnehmen würde. Daher habe ich versucht meinen Schlafsack selber zu trocknen. Unter die Bank habe ich den Gaskocher gestellt und auf die Bank den Schlafsack gelegt. Nach 1-2 Stunden war durchaus einen gewissen Erfolg zu verzeichnen obwohl der Schlafsack natürlich nicht vollkommen trocken war.

Der zweite Tag von Altenau nach Drei Annen Hohne ca. 34 km

Ich stopfte alles locker in den Rucksack denn einen feuchten Daunenschlafsack darf man nicht zu sehr zusammenpressen. Entlang kleiner Kanälchen, die fleißige Arbeiter im Mittelalter und Spätmittelalter angelegt haben, führte der Weg mit schönen Tal-Blicken weiter. Überall stößt man auf Überbleibsel einer glorreichen Bergbauvergangenheit. Das ist wirklich schön zum Laufen. So zogen sich die Kilometer bis ich schließlich an die ehemalige Ost-West-Grenze und heutige Landesgrenze von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt kam. Dies war schon der Einzugsbereich des Brocken, der mit 1.170 Meter höchste Berg des Harzes. Die Route des Hexenstiegs macht hier einen Abstecher auf die Spitze.

Es hat zwar kaum noch geregnet, war trotzdem sehr windig und nass-kalt. Ich hatte mittlerweile alles übereinander gezogen, was ich dabei hatte, wollte dann aber bei der Gipfelersteigung nicht schwitzen. Beim Umziehen traf ich auf einen Einheimischen, der mir die aktuelle Corona Regelung in Sachsen-Anhalt zusammenfasste: Übernachten in Pensionen dürfen nur einheimische Touristen. Einheimische Touristen waren in diesem Fall nur Bewohner des Bundeslandes Sachsen-Anhalt. So war die alte Grenze wieder eine ganz aktuelle geworden. Auch änderte sich das Antlitz der Orte und ich meinte auch die Mentalität und das Aussehn der Menschen .. oder habe ich da doch zu viel reininterpretiert? Und ganz nebenbei zerschlug sich auch meine Idee eine warmen Herberge.

Der Brocken – „Sie werden platziert“

Unter dem Brockenaufstieg hatte ich mir doch etwas mehr vorgestellt, ich bin ja viel in den Alpen oder auf Kamtschatka gewandert. Es ging aber einen breiten, gut ausgebauten Wanderweg entlang der Bahn zum Brocken rauf. Der Gipfel des Brocken lag komplett im Nebel und hatte ein ganz anders Klima – es war eisig kalt. Was wirklich schön war, dass schon von weitem im Wald Dampfwolken zu sehen waren, die vom Dampflok getriebenen Zug, der sich den Berg rauf schraubt, stammten. Auch hört man das Horn der Lok kilometerweit. Oben hatte ich Gelegenheit, mir den Triebwagen aus einer anderen Zeit näher anzusehen. Es ist wirklich ein Schmuckstück und ich hatte das Gefühl, es sei mehr als eine reine Touristenbahn.
Wegen der Kälte setzte ich mich in die Speisegastätte Brockenwirt. „Sie werden platziert“ und ich erhielt eine Nummer, die mir einen Tisch zuwies, an den ich mich setzen durfte. Natürlich mit Maske und nachdem ich meine Adresse auf einem Formular hinterlassen hatte. Hier werden die Corona-Vorschriften wirklich streng befolgt. Leider erinnerten auch das quadratische Formfleisch-Schnitzel und der Mayo-Kartoffelsalat an die gute alte HO-Gaststätte. Nicht jedoch die Preise. Mein Handy konnte ich natürlich nicht aufladen.
Auf dem Brocken war tatsächlich eine ganze Menge Menschen unterwegs. Insgesamt aber waren kaum Wanderer unterwegs. Ich bin auf der gesamten Tour auf niemanden gestoßen der augenscheinlich auch eine Mehrtagestour gemacht hat. Es gab nur einige Familien und Rentnerpaare, die letztlich nur einen kleinen Rundgang um Ihr Auto gemacht haben.

Beim Abstieg vom Brocken läuft man an vielen toten Wäldern vorbei. Hier hat der Borkenkäfer den Kiefern und Nadelbäumen hart zugesetzt. Das ist schon ein ziemlich gruseliges Bild das an das Waldsterben der 80er Jahre erinnert.

Die zweite Nacht

Die Nacht habe ich schließlich in einem kleinen Wanderer-Schutzhäuschen verbracht. Die Hütten im Ostteil sehen dabei aus wie ein dreieckiges Zelt aus Holz und ist zum Schlafen deutlich angenehmer als die „Holz-Bushaltestellen“ im Westen. Abends kam die Sonne noch etwas raus und ich hatte die Möglichkeit, meinen Schlafsack doch weitestgehend zu trocknen. Nach einer Katzenwäsche im nahe gelegenen Bach ging es früh ins Bett und ich habe bestimmt 12 Stunden geschlafen. Nein, natürlich nicht ganz durch – aber im Vergleich zu der Nacht praktisch schon.

Der dritte Tag von Drei Annen Hohne bis kurz vor Thale ca 35 km

Endlich Sonne! Ich saß gerade auf der Bank vor der Hütte und habe meinen Frühstück -Kaffee und Frühstücksbrei genossen, als ein Trupp von sechs Arbeitern im Bus vorfuhr, freundlich grüßte und begann die Wiese zu mähen. Als sie kurz darauf ihre Thermoskannen und Stullen an „meiner Bank“ auspackten, bin ich los.
Etwas weiter stößt man auf die Bode. Diesen Fluss verlässt man bis Thale nicht mehr. Zumindest wenn man sich für die Nordvariante des Stiegs entschieden hat.
Es geht zwar weite Teile nett am Ufer entlang, in anderen Bereichen muss man jedoch immer wieder rauf und runter, da das Flussufer steil ist. Die Orte sind wirklich schnuckelig hergerichtet und protzen mit ihrer Bergbautradition und dem damals verbundenen Wohlstand. Immer wieder trifft man auf Stollen, die jedoch meistens durch ein Eisengitter versperrt sind. In einem konnte ich etwas hinein laufen . Nach weniger Metern stand der Stollenboden aber dann unter Wasser.
Hinter Trassenburg auf den letzten 10 km nach Thale wird es noch mal richtig schön und der Fluss wird deutlich wilder als zuvor. Eine Stelle, wo der Weg kurzzeitig auf Ebene des Flusses war, habe ich zu einer Abenddusche im Fluss genutzt. Bald ging es ja wieder zurück in die Zivilisation und es ist auch deutlich angenehmer ohne Salz auf der Haut zu schlafen.

Ich war gerade schon drauf vorbereitet im Wald mein Notzelt aufzuschlagen, als etwa 7 km vor Thale wieder einer dieser gemütlichen Holzzelte auftauchte und mir eine optimale Schlafstelle bot.

Ein Feuersalamander zum Abschied

Die letzten Kilometer am nächsten Tag vergingen viel zu schnell. Die Sonne schien. Ein kleiner querlaufender Weg zog mich magisch an. Es ging zwar nicht besonders weit aber plötzlich tauchte ein Feuersalamander auf und ging gemächlich seines Wegs. Ich glaube den letzten echten „Lurchie“ habe ich als Zwölfjähriger gesehen.
Kurz bevor es dann nach Thale ging, lud noch ein schönes Gartenlokal in der Sonne gelegen zu einem zweiten Frühstück ein.
Aus Thale kamen mir schon eine ganze Menge Tagestouristen entgegen und ich bin mittags mit Schienenersatzverkehr und mehrmals umsteigen wieder nach Berlin gefahren.

Fazit- Wie spießig ist nun der Harz wirklich?

Ein spezielles Merkmal der Harzer Wanderwege schien mir zu sein, dass fast am Fuße jeder Bank die Schalen gepellter harter Eier rumliegen.
Es gibt Stempelkästchen für Wanderhefte und vermutlich wären auch Anstecknadeln für Stöcke und Hüte zu erstehen gewesen. Aber was ist eigentlich spießig?

So wie ich gelaufen bin war ideal und war richtig toll es gab fast keine Leute und ich konnte die pure Natur und auch die alten Kulturstädte und Stollen, auf die man immer wieder stößt, bewundern und erleben.
Sollte in anderen Zeiten alles mit deutschen Heimatliebenden überlaufen sein, könnte das Flair doch etwas kritisch werden.

Fazit: War Spitze! Der Harz lohnt sich.

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